12. Juni: Im wilden Tal der Clemgia

Es ist 12:15 Uhr geworden, als ich dem Postauto in S-CHARL entsteige. Aber ich bin von Müstair aus immerhin seit drei Stunden unterwegs, mit drei Umstiegen.

Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit mache ich mich sofort auf den Weg. Dabei treffe ich auf diese lustige Truppe, die wunderbare Düfte verströmt – und die sich sichtlich freut, daß endlich mal jemand vorbeikommt. Eine kurze Fotosession – und weiter geht‘s.

Dieses Reiterpaar sind die letzten menschlichen Wesen, die mir auf den folgenden gut 13 Kilometern begegnen. Genau wie bei der gestrigen Wanderung, wo ich Menschen, wenn überhaupt, nur in großer Entfernung sah:

Zur Stärkung futtere ich im Gehen noch ein mitgebrachtes Brötchen. Auf der Suche nach einer Papier-Entsorgungsmöglichkeit stoße ich auf eine der Bären-Mülltonnen, die in dem gesamten Gebiet angesagt sind…:

… und bald auch auf die ersten Steinschlag-Warnschilder:

Ach ja, ein Auto kam noch, dann war Ruhe im Karton. Die normalerweise fast im Stundentakt fahren Postautos machten ebenfalls Mittagsruhe.

Übrigens ist es ein bemerkenswertes Geräusch, wenn diese Steinklunker von -zig Kilogramm Gewicht, die bei noch höheren Wasserständen vom Fluß hier abgelegt wurden, in der Strömung unter der Wasseroberfläche vorbeikullern…:

Über 550 Höhenmeter geht’s hinunter bis SCUOL, und das ganze Tal ist ein einziges Schuttmeer, wie eine wahre Abraumhalde der Natur:

Kein Wunder: Die Hänge sind extrem steil und schroff, und das kalkige Gestein sehr bröselig. Da genügen ein paar Regenschauer, und ab geht die Post:

Nach Unwettern muß die Straße immer wieder gesperrt werden, bzw. wird die Straße von der Natur gesperrt. Dann ist S-charl von der Außenwelt abgeschnitten. Hier zum Beispiel stehe ich am Straßenrand und blicke in das mittlerweile mehrere hundert Meter tief eingeschnittene Tal der Clemgia, in das von beiden Seiten der Gesteinsschutt hineingestürzt ist, auf meiner Seite über die Straße hinweg:

Dieser Schuttfächer ist so gewaltig, daß ich ihn im Panorama fotografieren musste:

Was für ein landschaftlicher Kontrast zu den letzten Etappen! Dem Geografen schlägt das Herz höher, wenn er solche elementaren Naturereignisse im Vorbeiwandern so filmreif serviert bekommt.

Kurz vor dem Erreichen Scuols führt der Wanderweg noch einmal direkt in die Clemgia-Schlucht hinein. Aber leider wird das nichts am heutigen Tage, denn auch dieser Weg ist verschüttet, und die Gefahr weiterer Bergstürze zu groß:

Also wandere ich auf Serpentinen hinab nach Scuol, der größten Stadt des Engadins mit seiner so pittoresk gelegen Kirche:

Morgen geht es von hier aus auf die nächste Etappe des Bündner Jakobsweges – nach GUARDA.

 

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