17. November: „Über den Wolken…

Foto: Blick – aus 1500 Metern Höhe – durch Kanarische Kiefern hinüber zur 70 km entfernten Nachbarinsel TENERIFFA. Der TEIDE, mit 3715 Metern höchster Berg Spaniens, durchragt die atlantische Wolkendecke.

… da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein!“ Richtig, lieber Reinhard Mey – und genauso wie heute habe ich es mir in kühnsten Träumen immer vorgestellt.

Schon als Kind hatte ich diesen Traum: Mal vom Meerufer/-niveau aus bis ÜBER DIE WOLKEN hinaus zu gehen… Damit meine ich: Wirklich zu Fuß! Auf meinen Touren ins Schweizer Oberengadin war ich in jüngsten Jahren häufig über den Wolken, aber dort logierte ich „einfach nur“ in großer Höhe, die ich zum Einen lässig per Bahn und Bus erreichte, zum Anderen ohne Anwesenheit eines Meeres. Dessen Präsenz empfand ich stets als essentiell, um deren Höhe besser „einnorden“ zu können. Vielleicht kann so nur ein Flachländer denken, dem die Wolken mangels eines Gebirges stets unerreichbar schienen?

Eines der herausragenden Wolken-Erlebnisse meines Lebens bescherte mir ein Blogleser, der mit seiner kleinen Chessna nach Sylt kam, mich einlud, und mit mir über das Wattenmeer Richtung Festland und weiter bis nach Flensburg flog. Und das an einem dieser Waaahnsinns-Sommertage, mit blauem Himmel über Sylt, aber mit an Schönheit gar nicht mehr zu übertreffenden Cumuluswolken über dem „Kontinent“, Durch die wir nicht etwa schnurgerade hindurchpropellerten, sondern die Freund Thomas spielerisch – also eigentlich achterbahnmäßig – in allen denkbaren Varianten über-/unter-/ und umflog. Ich war komplett außer mir. Anders kann ich meinen damaligen emotionalen Zustand nicht beschreiben. Ich durchflog (m)ein Märchen. Sooo nahe war ich meinen Lieblingen noch nie, die mir immerhin über 45 Jahre lang ein Leben als „freier Fotograf“ ermöglichten: Denn gute Landschaftsfotografie geht nur mit(!) Wolken, das nur mal nebenbei und hier unter uns.

Foto: Eeendlich auf – erwanderter – Augenhöhe: Heranziehende Wolkenfetzen unterbrechen den Blick aufs Meer

Das einzige, was nun noch fehlte, war die Kombination mit dem Wandern… auch dahin sollte mich das Schicksal führen:

Nach dem Tode meiner Mutter fiel ich im Jahr 2011 in eine mir unerklärliche Krise. Das nahm ich als gegeben hin, bis ich feststellte, dass sich auch meine fotografische Ausbeute drastisch auszudünnen begann… es musste nun tatsächlich etwas passieren. Was lag näher, als einfach eine Radtour von Sylt nach Portugal zu machen!? Nichts! Als damals begeisterter Liegeradfahrer die beste Idee ever… und Anfang Mai ging’s los.

Einige Wochen später erreichte ich die Pyrenäen und geriet – aus purem Interesse – nach St. Jean-Pied-de-Port, den Ausgangspunkt des ‚Camino françès’, des Jakobsweges ins 800 Kilometer entfernte Santiago de Compostela. Und war sofort gefesselt und voller Empathie diesen Menschen gegenüber, die sich hier – zu Fuß – auf „Ihren“ Weg machten… alle mit ihrem „Päckchen auf dem Rücken“, im übertragenen Sinne. Respekt! Und der Zufall wollte es, dass ich bei der traurigen Ausfahrt aus St. Jean auf einen weiteren „Fahrrad-Pilger“ stieß, mit dem ich mich innerhalb von Minuten anfreundete… und mehr und mehr die Fusspilger zu beneiden begann, die nun viele Wochen wandern „durften“, während wir die Strecke in 12 Tagen abspulten… übrigens nun nach Santiago d. C., nicht mehr nach Portugal.

Um es kurz zu machen: Ich fuhr noch so einige Male hin, nach St. Jean, und absolvierte in den Folgejahren einen Großteil des Caminos jeweils in 10-Tages-Etappen… auch zusammen mit Ansgar, meinem ehemaligen Radlerfreund. Seitdem leuchtet mein Inneres, wenn ich, heute morgen gleich beim Start um 9 Uhr in GÁLDAR, dieses Schild sehe. Wolke 7, sach‘ ich mal:

Ich bin so geflasht, dass ich im selben Moment nicht mehr im Geringsten daran zweifle, die heutige Herausforderung zu wuppen, notfalls auf allen Vieren! Dazu herrscht das perfekte Wanderwetter: 20 Grad, fast Windstille, bedeckter Himmel – *hach*:

Eeendlich wieder aufm Camino! Auch der hiesige hat eine Jahrhundertealte Tradition, nur laufe ich ihn in entgegengesetzter Richtung, beginnend in GÁLDAR, dem eigentlichen Zielort, wo ich mich direkt neben der Kathedrale eingemietet habe:

Abbildung: 65 Kilometer misst der Gran Canarische Jakobsweg

Der Grund? Zum Einen kenne ich die dem Passatwind zugewandte Nordküste Gran Canarias nur von Stippvisiten, zum Zweiten wäre der steile Ab(!)stieg für meine Knie der Abpfiff gewesen – Bergauf geht’s dafür umso besser:

„Ultreia!“ sagt der Pilger, „Auf geht’s“…:

Die ersten Stunden durchwandere ich eine Halbwüstenlandschaft und geniesse immer wieder den Zurück-Blick auf meinen Ausgangspunkt Gáldar unten am Meer:

Foto: Opuntien mit weißen Cochenille-Läusen, deren blutrote Körpersäfte, zum Färben genutzt, einst auch für die Kanaren eine große wirtschaftliche Bedeutung besaßen.

Irgendjemand meint es gut mit mir. Je höher ich ins Kühle steige, desto mehr lässt sich die Sonne sehen. Und nach gut zweistündiger Wanderung kommen die ersten „Gegenläufer“ in Sicht, die morgens vom Cruz de Tejeda aus gestartet sind – insgesamt zähle ich 13 Personen während meiner gut 6-stündigen Tour.

Später mehr. Es ist jetzt Dienstag 10 Uhr, und ich will mal runter an die Küste und dort nach dem Rechten schauen…

Nun ist’s bereits 17 Uhr, und ich will noch kurz den Rest des gestrigen Tages erzählen: Je höher ich komme, desto mehr steigt das Gefühl, alles im Blick zu haben. Hier fährt gerade die Fähre aus dem Hafen ‚Puerto de las Nieves‘ Richtung Teneriffa ab. Auch der Teide zeigt sich:

Vorbei an einem der jüngsten Vulkane der Insel, dem ‚Montañón negro‘…:

… erreiche ich kurz vor meinem Ziel ‚Cruz de Tejeda’ nach 6-stündiger Wanderung mit 1750 Metern Höhe den höchsten Punkt meiner Wanderung…:

… und geniesse den Blick auf den ROQUE BENTAYGA nach meiner Ankunft mit einem wahrhaft verdienten Kaffee im dortigen Parador:

 

 

 

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