18. November: Gone swimmin‘…

Der Wetterbericht hatte gestern ja wie die Faust aufs Auge gestimmt. Selbst den ab 17 Uhr am Cruz de Tejeda aufkommenden Nebel mit innerhalb von Minuten geradezu polaren Temperaturen – wusste ich alles vorher, und hatte mich darauf eingerichtet.

Umso überraschter bin ich am heutigen Morgen, dass die Sonne lacht, denn angekündigt war ein ganztägig sehr bedeckter Himmel mit einigen Tropfen zwischendurch… okay, also nutze ich die Gelegenheit für ein Bad im großen Ozean…

Gáldar liegt zwar – kleinmaßstäblich gesehen – am Meer. Genauer betrachtet liegt es jedoch fast 100 Meter hoch, und 1700 Meter vom Meer entfernt. Und so sieht der Weg aus:

Rings um Gáldar sind ganze Quadratkilometer mit Mauern und Kunststoffplanen versteckte Bananenplantagen zu durchwandern…:

… bevor man Strand und Meer erreicht:

Hier hat der örtliche Verschönerungsverein ganze Arbeit geleistet. Aber ich bin ja nicht wegen der stachelhäutigen Pflanzen hier…:

… sonders um das Meer zu sehen,  den fantastischen Ozean. Nur zeigen sich die wilden Elemente wenig geneigt, den eventuell badefreudigen Nordseeküsten-Bewohner nach dem Bade lebend zu entlassen:

Wie schön, dass es auch am der Atlantikbrandung sehr ausgesetzten Felsstrand von Gáldar ein sogenanntes „Piscina naturale“ gibt. Dort warten bereits die örtlichen Heroen (siehe heutiger Titel) auf unbedarfte Touris, die die Tücken eines Weltmeeres nur allzu gerne unterschätzen…. und zeigen dem Neuankömmling auch gleich mal, was sie so drauf haben. Hier nur eines dieser Kunststückchen:

Der Neuankömmling schaut sich das alles gaaanz in Ruhe an. Eingeweihte wissen, dass dieser seit den 1970er Jahren eingefleischter Fan von Charles Bronson ist. Und somit weiß, wie er sich in derart mutwillig konstruierten Situationen zu verhalten hat. (Schon jetzt muss ich um Nachsicht bitten, dass es von der kommenden Szene keine Videoaufzeichnung gibt – mein einziger Fehler an diesem noch jungen Morgen im Piscina Naturale von Gáldar).

Der Neuankömmling zieht sich in unmittelbarer Nachbarschaft der Fleischklöppse aus, gaaanz  laaangsaaam besonders die schwarze Unterhose. Frauen sind nicht anwesend. Dann streift er seine blauweiß gestreifte Pro Idee – Badeshorts über und stürzt sich in einem kühnen Hechtsprung in die kochende See. Keinen Blick gönnt er den arglosen Testosteron-Boliden, die sich gaaanz genau ansehen, welchen Fehler der zu kleingeratene Fremdling als erstes machen wird.

Dieser macht keinen weiteren Fehler mehr an diesem Morgen. Das hatte ich ja bereits vorangestellt. Nach einigen Kraulschlägen legt er sich rücklings vor die  Brecherzone und… ja was macht er da!? Er liegt ganz ruhig, aaatmet seeehr tiiieeef aus und noch viel tiiieeefer wieder ein. Aber warum!? Das checken die Jungs auch nicht, weil sie es gar nicht sehen können aus 15 Meter Entfernung. Fast drei Minuten geht das so, dann kommt der erwartete Brecher… und unmittelbar bevor dieser seine tonnenschwere Last auf mich schmeißt, tauche ich ab.

Mein Vater hat mir schon in Kindesjahren beigebracht, wie man maximal lange die Luft anhalten kann: Durch sogenannte Hyperventilation, durch die man sich bis zum Schwindel mit Sauerstoff vollpumpt, um dann – locker – eine pralle Minute oder noch länger unter Wasser bleiben zu können, aus welchen Gründen auch immer…

Ich sehe im Abtauchen das brodelnde Weißwasser über mir. Den damit einhergehenden Strömungen entgehe ich schnell, diese spielen in dem Gezeitenpool nur an der Oberfläche eine Rolle. In zwei Metern Tiefe ist es gaaanz ruhig. Herrlich! Unterhalb der Weißwasserschicht sieht mich ohnehin keiner. Mit ruhigen Zügen tauche ich bis zur etwa zwanzig Meter entfernten Westmauer des Beckens (rechts außerhalb des Titelbildes) unter die zweite Zugangstreppe,  und beobachte von dort die bereits wild diskutierenden und gestikulierenden Alt-Kanarios, die total die Nullcheckung haben, was hier gerade vor sich geht.

Damit reicht es eigentlich. Ich erscheine mit anmutigem Schwung auf der Treppe, gehe betont locker zu meinen Klamotten, ohne den gaaanz still gewordenen Machos weitere Beachtung zu schenken, und verlasse mit einem rauchig geflüsterten „Hasta mañana!“ die Szenerie. Was natürlich gelogen war, denn am morgigen Donnerstag steht schließlich die zweite Gebirgsetappe auf dem Programm.

 

 

 

Kommentare (4)

  1. Aplaus! Aplaus! Aplaus! Gab es wenigstens Szenenaplaus der Zuschauer? Die Gesichter der Eingeborenen hätte ich zu gerne gesehen, als der blasse, knorrige, sehnige, mit Verlaub, alte weiße Südskandinavier unversehrt und fröhlich, lässig die Leiter erklimmt. Viel Spaß weiterhin. Freue mich auf die nächsten Geschichten.

    • Hans Jessel

      Nee, nix Szenenapplaus. Das sah eher nach betretenem Schweigen aus – mir egal, ich mag Platzhirsch-Gehabe nicht.

  2. Carén Krebs

    Klingt nach „Reichsparteitag“. Köstlich!
    Gut gemacht ☺️

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