{"id":10030,"date":"2021-11-15T11:20:11","date_gmt":"2021-11-15T11:20:11","guid":{"rendered":"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/?p=10030"},"modified":"2021-11-15T13:34:47","modified_gmt":"2021-11-15T13:34:47","slug":"15-november-in-der-boulangerie-du-palais","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/15-november-in-der-boulangerie-du-palais\/","title":{"rendered":"15. November: In der Boulangerie du Paradis, \u00e4h du Palais"},"content":{"rendered":"<p>Es qualmt aus den offenen Fenstern der Backstube, und der anheimelnde Duft von frischgebackenen Gemeinheiten schwimmt im satten Morgentau der gesamten Rue du Palais de Justice, \u00fcber die ich , von der Sa\u00f4ne-Passarelle kommend, diesen Ort der Verf\u00fchrung erreiche.<\/p>\n<p>Um 7:15 Uhr ist es noch dunkel in der Mitte des Lyoner Novembers, lediglich beim \u00dcberqueren des Flusses erahnt der fr\u00fchmorgendliche Flaneur erste Anzeichen einer D\u00e4mmerung \u00fcber den am Ufer aufgereihten Fassaden der l\u00e4ngst vertraut gewordenen Stadt.<\/p>\n<p>Wie jeden Morgen um diese Uhrzeit, stehen die meisten St\u00fchle bereits vor meinem bevorzugten Caf\u00e9 Lion (haha, sch\u00f6n ausgedacht, der Name, n\u00e4?), w\u00e4hrend der Ma\u00eetre du Caf\u00e9 bei ge\u00f6ffneter T\u00fcr in den \u00fcberschaubaren R\u00e4umlichkeiten mit zusammengeklappten Tischen und einem auf Krawall geb\u00fcrsteten Staubsauger k\u00e4mpft, der \u00e4u\u00dferst ungesunde, asthmatisch h\u00fcstelnde Laute von sich gibt. Geh\u00f6rt wie gef\u00fchlt: das Endstadium. Etwa so, als sei dieser unl\u00e4ngst in der Sa\u00f4ne kielgeholt worden n\u00e4mlich. Nur: Wer sollte so etwas tun!?<\/p>\n<p>Leider reicht mein k\u00fcmmerlicher franz\u00f6sischer Wortschatz nicht, um diese b\u00f6sen Ahnungen mit dem etwas schwitzig dreinschauenden Wirt zu er\u00f6rtern, au\u00dferdem gesellen sich bereits die ersten Klienten an den noch von den Spuren der Nacht gezeichneten Tresen und verlangen rasche Bedienung. Ebenfalls wie jeden Morgen:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-10032\" src=\"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/A699BDE7-2EE5-484D-95CD-E07804563627.jpeg\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/A699BDE7-2EE5-484D-95CD-E07804563627.jpeg 1200w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/A699BDE7-2EE5-484D-95CD-E07804563627-300x200.jpeg 300w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/A699BDE7-2EE5-484D-95CD-E07804563627-1024x683.jpeg 1024w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/A699BDE7-2EE5-484D-95CD-E07804563627-768x512.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/p>\n<p>In fremdl\u00e4ndischer Umgebung stimmen vorausschaubare Situationen den Reisenden fr\u00f6hlich, was allerdings nicht gilt f\u00fcr den Markt &#8211; der sich heute nicht in meine morgendlichen Rituale einzureihen gedenkt. Nur am traurigen Montag n\u00e4mlich zeigt sich dieser geschlossen, nein, schlimmer noch, ganz einfach nicht existent. Was f\u00fcr ein Kummer allein: Der H\u00e4hnchenbr\u00e4ter und seine fettspritzende Dunstglocke direkt am Zuweg zur Passarelle &#8211; vorm Fr\u00fchst\u00fcck serviert &#8211; , diese olfaktorische Guillotine wird mir fehlen in der frischen Nordseeluft der friesischen Heimat.<\/p>\n<p>Entschuldigt, Kinder, ich bin anscheinden abgeschweift. Glauben wir der \u00dcberschrift des heutigen Beitrags, stehen wir l\u00e4ngst vor den ge\u00f6ffneten Fenstern der Backstube meiner Lyoner Lieblings-Boulangerie und inhalieren begierig weitaus freundlichere D\u00fcfte als diejenigen einer schn\u00f6den Gefl\u00fcgelbr\u00e4terei. Deshalb bewegen wir uns nun rechts um die Ecke zum nahen Eingang dieses kulinarischen Paradieses und r\u00fctteln an der etwas verzogenen T\u00fcr aus Renaissance-Zeiten, bis diese eeendlich nachgibt\u2026<\/p>\n<p>Nunmehr vollends ummantelt von der s\u00fc\u00dflichen Aromenflut frischen Backguts, mit augenblicklich sich beschlagenden Brillengl\u00e4sern \u00a0aufgrund der uns entgegenflammenden Temperaturen \u00e4quatorialer Herkunft, stehen wir in einem \u00fcberraschend \u00fcberschaubaren, nein winzigen Verkaufsraum, dessen Tresen als immerhin wichtigstes Mobiliar eines solchen, nicht mehr in seiner urspr\u00fcnglich erdachten Funktion erkennbar ist. Vielmehr pr\u00e4sentiert sich dieser, \u00fcberkopfhoch vollgestapelt mit frischest aus dem Ofen herbeigeschafften Brioches, Croissants, Tartes, Roulettes, Chouquettes, Alumettes, Croquants, Bichons, und nat\u00fcrlich baseballgro\u00dfen Pognes, als eine animisch duftende Wand von 146.000 Kilokalorien, \u00fcberschlagsweise, wobei ich noch immer nichts sehe, aus obengenannten Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Nicht ohne Verve salutiere ich ein \u201eBonjour!\u201c in den Morgennebel\u2026 auf ein Echo warte ich vergebens. Was kein Wunder ist, zeigt sich der Rest des vom Grundriss kleinen, aber daf\u00fcr umso h\u00f6heren Raumes vollgerammelt mit \u00fcberquellenden Regalen und Ablagen, vor denen wiederum die verkeilten Rollwagen der aus dem angrenzenden Backraum angelieferten Waren jegliches Vorankommen, selbst von T\u00f6nen, unm\u00f6glich machen.<\/p>\n<p>Wie vorteilhaft, da\u00df ich als anerkannter J\u00e4ger des Lichts das Warten gewohnt bin. Da mache ich auch gerade heute fr\u00fch keine Ausnahme, und rufe nochmals ein fr\u00f6hliches Halali: \u201eBONJOUR!?\u201c Da scheppert es, ganz unerwarteterweise, halbrechts neben mir\u2026<\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">\u2026 und aus dem Bodennebel entsteigt eine junge Frau in der definitiv \u00a0prallen Bl\u00fcte ihrer Jahre und von derart franz\u00f6sischer Machart, beim Aufstehen mit schwerbeladenem Geblech fr\u00f6hlich Entschuldigungen palavernd und, zumal ich augenblicklich zu einer Salzs\u00e4ule Erstarrter ihr auch f\u00fcr den Bl\u00f6\u00f6\u00f6desten erkennbar total im Wege stehe, mich dabei sanft beiseite dr\u00fcckend, so da\u00df ich in einer Art Sekunden-Demenz vergesse, was \u201eein Baguette, bitte\u201c auf franz\u00f6sisch hei\u00dft. Normalerweise meine leichteste \u00dcbung, m\u00f6chte ich bemerken.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Na wunderbar, die Sprache verloren. Auch das noch. Mittlerweile hat sich dieses blondbezopfte Gesch\u00f6pf des Himmels den Weg zum \u201eTresen\u201c gebahnt, und m\u00fcht sich, in Ermangelung einer Ablage (\u2026 und einer helfenden Hand), weitere Brioches etc. pp. in die ohnehin schon \u00fcbervolle Ablage zu quetschen, und dabei die Balance des Blechs nicht aus den Augen zu verlieren, weiterhin fr\u00f6hlich mit mir parlierend\u2026<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">\u2026 bis sie registriert, da\u00df ich, f\u00fcr jeden Anwesenden offensichtlich, ein bewegungs- und sprachunkundiger Alien bin, der Hilfe jeglicher Art ben\u00f6tigt, um sich zumindest zu artikulieren.<\/span><\/p>\n<p>Augenblicklich stoppt sie jegliche Arbeit, schaut mich mit \u00fc\u00fc\u00fcbergrooo\u00dfen Augen laaange an und wechselt zu einem erderweichenden L\u00e4cheln, das mir den Boden unter den F\u00fc\u00dfen endg\u00fcltig entzieht.<\/p>\n<p>Nein, ich st\u00fcrze nicht in mich zusammen, ich versuche es \u00a0mit Esperanto. Leider ist mir mittlerweile auch noch entfallen, was ich an diesem Ort der sinnlichen Verf\u00fchrung \u00fcberhaupt wollte. Ich trug einem geheimen Einkaufszettel in meinem Gehirn, mit diversen konkreten W\u00fcnschen, sowohl f\u00fcr die Reise als auch f\u00fcr zuhause. Nix mehr da.<\/p>\n<p>Als ich das Gesch\u00e4ft &#8211; schwei\u00df\u00fcberstr\u00f6mt &#8211; Minuten sp\u00e4ter verlasse, trage ich drei Eink\u00e4ufe bei mir. Erstens dieses:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-10042\" src=\"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/4AA08DF7-4ABE-420F-A190-41DE532CB6E0.jpeg\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/4AA08DF7-4ABE-420F-A190-41DE532CB6E0.jpeg 1200w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/4AA08DF7-4ABE-420F-A190-41DE532CB6E0-300x200.jpeg 300w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/4AA08DF7-4ABE-420F-A190-41DE532CB6E0-1024x683.jpeg 1024w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/4AA08DF7-4ABE-420F-A190-41DE532CB6E0-768x512.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/p>\n<p>Zweitens dieses:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-10043\" src=\"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/9D3E601F-F687-46F9-AEFD-4C90BAE6B2E6.jpeg\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/9D3E601F-F687-46F9-AEFD-4C90BAE6B2E6.jpeg 1200w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/9D3E601F-F687-46F9-AEFD-4C90BAE6B2E6-300x200.jpeg 300w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/9D3E601F-F687-46F9-AEFD-4C90BAE6B2E6-1024x683.jpeg 1024w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/9D3E601F-F687-46F9-AEFD-4C90BAE6B2E6-768x512.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/p>\n<p>\u2026 und ein Baguette (ohne Foto)<\/p>\n<p>Und genau das esse ich gerade, kurz nach der Grenzquerung zwischen Strasbourg und Baden-Baden, mit einem Tomme de Savoie, und dazu gibt\u2019s ein gek\u00fchltes Gl\u00e4schen Muscadet. \u00a0Ein \u201eProst!\u201c in die Runde!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es qualmt aus den offenen Fenstern der Backstube, und der anheimelnde Duft von frischgebackenen Gemeinheiten schwimmt im satten Morgentau der gesamten Rue du Palais de Justice, \u00fcber die ich , von der Sa\u00f4ne-Passarelle kommend, diesen Ort der Verf\u00fchrung erreiche. Um 7:15 Uhr ist es noch dunkel in der Mitte des Lyoner Novembers, lediglich beim \u00dcberqueren des Flusses erahnt der fr\u00fchmorgendliche Flaneur erste Anzeichen einer D\u00e4mmerung \u00fcber den am Ufer aufgereihten&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":10031,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27,39,28,48,43,2,30,33],"tags":[],"class_list":["post-10030","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-alle-bilder","category-arbeit","category-haeuser","category-herbst","category-kulinarik","category-tourismus","category-tradition","category-woanders"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/E9D88EC0-FFA2-41EF-AB5F-0D84DED095D6.jpeg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10030","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10030"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10030\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10044,"href":"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10030\/revisions\/10044"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10031"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10030"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10030"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10030"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}