{"id":13409,"date":"2023-01-17T09:35:13","date_gmt":"2023-01-17T09:35:13","guid":{"rendered":"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/?p=13409"},"modified":"2023-01-17T18:00:55","modified_gmt":"2023-01-17T18:00:55","slug":"nachtrag-15-januar-ein-besuch-bei-friedrich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/nachtrag-15-januar-ein-besuch-bei-friedrich\/","title":{"rendered":"Nachtrag 15. Januar: Ein Besuch bei Friedrich\u2026"},"content":{"rendered":"<p>\u2026 Nietzsche (1845 &#8211; 1900):<\/p>\n<p>Unmittelbar neben meinem Hotel findet sich ein entz\u00fcckendes kleines H\u00e4uschen, das f\u00fcr den Ort Sils eine gro\u00dfe Bedeutung besitzt. Dessen Besuch steht am Ende meines Aufenthaltes, aus gutem Grund: Hier wohnte &#8211; bzw. arbeitete &#8211; in den 1880er Jahren kein Geringerer als der Philosoph Friedrich Nietzsche, uns allen bekannt wegen seines \u201eZarathustra\u2018s\u201c, seines \u201e\u00dcbermenschen\u201c, und gelegentlich auch \u00a0unangenehmen Spr\u00fcchen \u00fcber die Damenwelt. Ein Freundeskreis hat das halb zerfallene Haus seit den 1960er Jahren unter seine Fittiche genommen, es mit beispiellosem Einsatz restauriert und zu einem Museum ausgebaut. Sogar ein G\u00e4stezimmer gibt es, in dem junge Nietzscheforscher wochenlang unbehelligt ihrer Arbeit nachgehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Als Nietzsche Ende der 1870er Jahre, damals noch als Professor an der Universit\u00e4t Basel, erstmals ins Oberengadin kam und &#8211; auf Einladung &#8211; in St. Moritz residierte, und das dortige gesellschaftliche Treiben der Beg\u00fcterten und Exaltierten mitbekam, gen\u00fcgte eine kleine Kutschenfahrt ins damals vom Tourismus noch unber\u00fchrte Sils, um ihn von der Strahlkraft dieses Ortes, und insbesondere der Landschaft und des Klimas, zu \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der h\u00f6chstbegabte Friedrich eine beispiellose Karriere hingelegt, die in der Baseler Philologie-Professur gipfelte &#8211; im Alter von gerade einmal 25 Jahren. Zwar wurden seine bis dato ver\u00f6ffentlichten B\u00fccher von der Kritik eher verrissen als goutiert, trotzdem wurde anerkannt, da\u00df da ein besonderer Geist am Werke war.<\/p>\n<p>Als er im Jahre 1881 erstmals einen seiner meist dreimonatigen Sommer-Arbeitsaufenthalte in Sils antrat, war Nietzsche ein gebrochener Mann: Sein katastrophaler Gesundheitszustand (eine besonders fiese Art von Migr\u00e4ne mit tagelangen Brechattacken etc. pp.) hatten ihn zur Aufgabe seiner T\u00e4tigkeit an der Universit\u00e4t gezwungen. Dadurch auch mittel- und heimatlos geworden, fand er seinen Traum-Arbeitsplatz im ersten Stock des Hauses:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-13414\" src=\"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/C45F9128-7562-456A-97D9-43D5AFA6B307.jpeg\" alt=\"\" width=\"1400\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/C45F9128-7562-456A-97D9-43D5AFA6B307.jpeg 1400w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/C45F9128-7562-456A-97D9-43D5AFA6B307-300x171.jpeg 300w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/C45F9128-7562-456A-97D9-43D5AFA6B307-1024x585.jpeg 1024w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/C45F9128-7562-456A-97D9-43D5AFA6B307-768x439.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1400px) 100vw, 1400px\" \/><\/p>\n<p>Kein Scherz jetzt: Diese Kammer &#8211; mit direktem Waldblick &#8211; hatte er gemietet, nicht das Haus! Er lie\u00df das urspr\u00fcnglich helle Zimmer sogleich in braunen Farbt\u00f6nen (im Original erhalten in der Wandaussparung links neben dem Fenster) \u00fcbertapezieren, da er helles Tageslicht nicht vertrug\u2026:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-13416\" src=\"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/FE337651-6D77-4BFD-A6B6-820BF75F03E5.jpeg\" alt=\"\" width=\"1300\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/FE337651-6D77-4BFD-A6B6-820BF75F03E5.jpeg 1300w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/FE337651-6D77-4BFD-A6B6-820BF75F03E5-300x185.jpeg 300w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/FE337651-6D77-4BFD-A6B6-820BF75F03E5-1024x630.jpeg 1024w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/FE337651-6D77-4BFD-A6B6-820BF75F03E5-768x473.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1300px) 100vw, 1300px\" \/><\/p>\n<p>\u2026 und begann sogleich mit seinen t\u00e4glichen Arbeitsritualen: Aufstehen im Morgengrauen, Fr\u00fchst\u00fcck mit lecker Eidotter und Kaffee, dann ein f\u00fcnf- bis siebenst\u00fcndiger \u201eSpaziergang\u201c (solange ihn nicht eine erneute Migr\u00e4ne-Attacke ans Bett fesselte) um die Seen, gerne ins Fextal, nach Maloja &#8211; kennt Ihr jetzt ja l\u00e4ngst alles, zur Gedankenfindung, zwischendurch der Mittagstisch im (sic!) HOTEL EDELWEISS, und abends dann der Knaller: Stets von 19 bus 21 Uhr still auf einem Stuhl sitzen und gar nichts machen, einfach nur in menschliche Haut gegossene Gedankenwelt sein.<\/p>\n<p>Schonung gab\u2019s nicht. Angetrieben von dem schon zu Studentenzeiten gehuldigten Vorsatz, das Leben dem Denken unterzuordnen, wurde unabl\u00e4ssig produziert, nicht selten direkt f\u00fcr die Tonne:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-13418\" src=\"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/2AE6FBC0-6701-49F0-AEAD-D6DE7EAA014D.jpeg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"1200\" srcset=\"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/2AE6FBC0-6701-49F0-AEAD-D6DE7EAA014D.jpeg 800w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/2AE6FBC0-6701-49F0-AEAD-D6DE7EAA014D-200x300.jpeg 200w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/2AE6FBC0-6701-49F0-AEAD-D6DE7EAA014D-683x1024.jpeg 683w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/2AE6FBC0-6701-49F0-AEAD-D6DE7EAA014D-768x1152.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/p>\n<p>Original im Silser Nietzsche Museum<\/p>\n<p>Jeder, der schreibt, kennt die Qualen, wenn es darum geht, Gedanken auf \u201eden Punkt\u201c zu bringen. Philosophische Texte dieser intellektuellen Tiefe zu verfassen, mit Fragestellungen, deren Sinn und Inhalt sich dem \u201eNormaldenkenden\u201c ohnehin nur in engen Grenzen erschlie\u00dft, grenzt an Selbstausbeutung:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-13421\" src=\"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/AEB936B5-5449-4038-BFF2-9470454EC3AB.jpeg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"1100\" srcset=\"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/AEB936B5-5449-4038-BFF2-9470454EC3AB.jpeg 800w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/AEB936B5-5449-4038-BFF2-9470454EC3AB-218x300.jpeg 218w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/AEB936B5-5449-4038-BFF2-9470454EC3AB-745x1024.jpeg 745w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/AEB936B5-5449-4038-BFF2-9470454EC3AB-768x1056.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/p>\n<p>\u201eEurop\u00e4ischer Nihilismus\u201c? \u201eEwige Wiederkunft des Gleichen\u201c? Alles klar? Na, dann ist\u2018s ja gut\u2026 \ud83d\ude09<\/p>\n<p>Und der \u201e m\u00e4chtige, pyramidal aufgeth\u00fcrmte Block\u201c? Den haben wir hier, etwas eingeschneit bei meinem ersten Spaziergang um den Silvaplaner See:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-13424\" src=\"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/A1BD26DB-75CE-4B44-A66E-66B15D62CEA6.jpeg\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/A1BD26DB-75CE-4B44-A66E-66B15D62CEA6.jpeg 1200w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/A1BD26DB-75CE-4B44-A66E-66B15D62CEA6-300x200.jpeg 300w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/A1BD26DB-75CE-4B44-A66E-66B15D62CEA6-1024x683.jpeg 1024w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/A1BD26DB-75CE-4B44-A66E-66B15D62CEA6-768x512.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/p>\n<p>Zwei Jahre nach dem Erscheinen seines \u201eZarathustra\u201c schreibt Nietzsche: \u201eDieses Engadin ist die Geburtsst\u00e4tte meines Zarathustra. Ich fand eben noch die erste Skizze der in ihm verbundenen Gedanken; darunter steht \u201eAnfang August 1881 in Sils-Maria, 6000 Fuss \u00fcber dem Meere und viel h\u00f6her \u00fcber allen menschlichen Dingen.\u201c<\/p>\n<p>Paul Raabe hat mit seinem Kulturwanderf\u00fchrer \u201eSpazierg\u00e4nge durch Nietzsches Sils Maria\u201c (Wallstein Verlag, G\u00f6ttingen 2019, \u20ac 20,-) \u00a0ein Lebenswerk vorgelegt, nach jahrzehntelangen Recherchen u. a. \u00fcber Nietzsches Briefwechsel mit Freunden, Mutter, Schwester, Verlegern und Fans. Dieses Buch ist einer der sch\u00f6nsten \u201eReisef\u00fchrer\u201c, die ich je gelesen habe. In der Vorbereitung der Tour, als Nachschlagewerk vor Ort, oder &#8211; in Gedanken &#8211; am Cavlocsee.<\/p>\n<p>Wie formuliert es Paul Raabe in seiner \u201eSchlussbemerkung\u201c?<\/p>\n<p>\u201cSils Maria hat trotz aller Modernisierung, der sich der Ort nicht entziehen konnte, auf eine bewundernswert dezente Art die Erinnerung an die Einzigartigkeit eines Philosophen bewahrt, der wie kein anderer das geistige Leben eines ganzen Jahrhunderts nach ihm in der wechselvollen Auseinandersetzung mit seinem Werk gepr\u00e4gt hat und dessen Erbe wir uns bis heute immer wieder neu zu stellen haben. Zeugen dieser Bedeutung eines gro\u00dfen Mannes sind auch alle, die zu seiner Zeit und vor allem nach ihm in Sils Maria gelebt haben oder zu Gast gewesen sind: Nietzsches bekannte und unbekannte Zeitgenossen und die vielen G\u00e4ste &#8211; Schriftsteller, Gelehrte, K\u00fcnstler und Musiker-, die auf seinen Spuren bewusst oder unbewusst, bewundernd, kritisch oder ablehnend gegangen sind. Spazierg\u00e4nge in Nietzsches Sils Maria erschlie\u00dfen uns nicht nur eine unvergleichliche Landschaft, sondern auch eine geistige Welt, in der sich ein Jahrhundert wiederfindet.\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-13429\" src=\"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/AD58811A-9BAB-42B2-AF04-0E9E161A943C.jpeg\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/AD58811A-9BAB-42B2-AF04-0E9E161A943C.jpeg 1200w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/AD58811A-9BAB-42B2-AF04-0E9E161A943C-300x200.jpeg 300w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/AD58811A-9BAB-42B2-AF04-0E9E161A943C-1024x683.jpeg 1024w, https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/AD58811A-9BAB-42B2-AF04-0E9E161A943C-768x512.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/p>\n<p>Am Montag, dem 16. Januar, besteige ich morgens um 8:35 Uhr in St. Moritz den Zug nach Landquart &#8211; bei minus 16 Grad. Nach Umstiegen dortselbst, in Basel und Hamburg erreiche ich Sylt am selben Tag um 23:37 Uhr &#8211; bei Sturm und Regen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 Nietzsche (1845 &#8211; 1900): Unmittelbar neben meinem Hotel findet sich ein entz\u00fcckendes kleines H\u00e4uschen, das f\u00fcr den Ort Sils eine gro\u00dfe Bedeutung besitzt. Dessen Besuch steht am Ende meines Aufenthaltes, aus gutem Grund: Hier wohnte &#8211; bzw. arbeitete &#8211; in den 1880er Jahren kein Geringerer als der Philosoph Friedrich Nietzsche, uns allen bekannt wegen seines \u201eZarathustra\u2018s\u201c, seines \u201e\u00dcbermenschen\u201c, und gelegentlich auch \u00a0unangenehmen Spr\u00fcchen \u00fcber die Damenwelt. 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