{"id":21755,"date":"2025-09-09T16:22:55","date_gmt":"2025-09-09T16:22:55","guid":{"rendered":"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/?p=21755"},"modified":"2025-09-09T16:56:36","modified_gmt":"2025-09-09T16:56:36","slug":"9-september-die-sache-mit-dem-nichtgemachten-foto","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jessel.de\/365-tage-sylt\/9-september-die-sache-mit-dem-nichtgemachten-foto\/","title":{"rendered":"9. September: Die Sache mit dem nichtgemachten Foto\u2026"},"content":{"rendered":"<p>Foto: Meine Badestelle heute gegen 17 Uhr<\/p>\n<p>\u2026 hat kein Geringerer als Star-Regisseur (und Top-Fotograf!) Wim Wenders mir unausl\u00f6schbar ins Ged\u00e4chtnis geschrieben: \u201eDie nichtgemachten Fotos sind die sch\u00f6nsten\u201c, sagte er. Und f\u00fcgte hinzu:\u201c\u2026 aber diese nichtgemachten Bilder machen manchmal ein gut gemachtes Foto erst m\u00f6glich.\u201c<\/p>\n<p>Wie wahr! Lassen sie doch eine Bildidee entstehen\u2026 und wachsen, f\u00fcr deren Umsetzung irgendwann der geeignete Moment kommen wird:<\/p>\n<p>Heute fr\u00fch, 6:05 Uhr. Ich trete kurz vor die Haust\u00fcr, um \u201edie Atmosph\u00e4rilien zu checken\u201c, wie ich es gerne nenne. Und w\u00e4hne mich augenblicklich in einem Glashaus &#8211; so windstill ist es. Geradezu \u00fcbernat\u00fcrlich windstill. Und erstaunlich mild. Die noch nachtgraublaue Au\u00dfenwelt sah, von drinnen betrachtet, deutlich k\u00fchler aus.<\/p>\n<p>Ich steige in meine kurze Strandhose, ziehe den Frottee-Pullover \u00fcber, schl\u00fcpfe in die Sandalen\u2026 und los geht\u2019s Richtung Strand. An der Ecke zur Friesischen Stra\u00dfe bleibe ich nochmal stehen, und \u00fcberlege, ob ich meine Kamera vielleicht doch mitnehmen sollte &#8211; angesichts der ungew\u00f6hnlichen Witterung. Aber ein kurzer Blick in den einfach \u00fcberm\u00e4\u00dfig grauen und zu 100 Prozent bedeckten Himmel bringt mich schnell von diesem Gedanken ab.<\/p>\n<p>Wie nur in k\u00fchnsten Gedankeng\u00e4ngen erwartet, liegt beim Queren des Strand\u00fcbergangs eine Nordsee vor mir, die ich so noch niemals sah: In der erst z\u00f6gerlich vorangeschrittenen D\u00e4mmerung mutet sie in ihrem bleiernen Glanz, nahezu bar jeglicher Bewegung, wie eine vom Flutsaum bis zum Horizont aufgespannte Folie an, in der sich die undifferenzierte Grauheit des Himmels in kalten, dunkleren T\u00f6nen widerspiegelt. Das Wort \u201eau\u00dferplanetarisch\u201c spreche ich mir im selben Moment laut zu, wie um mich der Echtheit dieser Situation zu vergewissern.<\/p>\n<p>Und auf dieser gespannten Folie hocken &#8211; nein schwimmen wohl &#8211; fast f\u00fcnfzig M\u00f6wen dicht beieinander, direkt an DER Stelle, die ich bei meinen morgendlichen Badeg\u00e4ngen bevorzuge.<\/p>\n<p>Als ich die Wasserkante erreiche und mich auskleide, erkenne ich, dass die \u00fcberwiegend jungen Silberm\u00f6wen sich in einer Art Unrast auf der Stelle bewegen, mit ihren Schn\u00e4beln immer wieder in die Luft pickend. Und w\u00e4hrend ich langsam und vooorsichtigst ins tiefere Wasser \u00a0gleite, erkenne ich auch den Grund f\u00fcr dieses Verhalten: Unter der Wasseroberfl\u00e4che, auch um mich herum, wimmelt es von kleinen, silbernen Fischchen &#8211; es m\u00f6gen hunderttausende sein. Sandspierlinge? Und immer wieder springen allerorten einzelne Exemplare aus dem Wasser heraus, und plumpsen unbeholfen zur\u00fcck, denn die Jungm\u00f6wen \u00fcben noch\u2026<\/p>\n<p>\u2026 und w\u00e4hrend sie anfangs noch vor mir zur\u00fcckweichen, lassen sie sich von meiner Anwesenheit &#8211; also meinem Kopf, der sich nun auf Augenh\u00f6he mit ihnen befindet, gar nicht mehr irritieren.<\/p>\n<p>So befinde ich mich, kaum eine Minute sp\u00e4ter, direkt unter ihnen. Einige schwimmen keine Arml\u00e4nge von mir entfernt, und ich beobachte aus wirklich allern\u00e4chster N\u00e4he die Fischfang-lernenden Jungv\u00f6gel inmitten dieser paradiesischen Meeresstimmung.<\/p>\n<p>*Hach* &#8211; Wildtiere, die nicht in sofortiger Panik vor uns Menschen fl\u00fcchten, sind selten geworden, aus guten Gr\u00fcnden. Mitte der 1990er Jahre, auf den Galapagosinseln, erlebte ich Seel\u00f6wen, die im freien Meer mit mir spielen wollten, und mir unter Wasser aus Zentimeterentfernungen Luftblasen vor die Taucherbrille bliesen. Und urt\u00fcmliche Leguane meiner Gr\u00f6\u00dfe, die quer \u00fcber dem Weg lagen, und keinerlei Anzeichen machten, mich durchzulassen\u2026 so stelle ich mir das Paradies vor, ehrlich.<\/p>\n<p>Und sollte ich dereinst in diesem landen, kann ich das Foto inmitten der fischfangenden M\u00f6wen immer noch machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Foto: Meine Badestelle heute gegen 17 Uhr \u2026 hat kein Geringerer als Star-Regisseur (und Top-Fotograf!) Wim Wenders mir unausl\u00f6schbar ins Ged\u00e4chtnis geschrieben: \u201eDie nichtgemachten Fotos sind die sch\u00f6nsten\u201c, sagte er. Und f\u00fcgte hinzu:\u201c\u2026 aber diese nichtgemachten Bilder machen manchmal ein gut gemachtes Foto erst m\u00f6glich.\u201c Wie wahr! 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