Ich verlasse mein geschätztes Montmartre-Hotel in der RUE DES ABBESSES bereits um 8 Uhr, trinke kurz einen ‚Café‘ (mit Croissant, versteht sich) bei Audrey, und tingel‘ dann los Richtung Innenstadt. Auf Sylter Verhältnisse umgerechnet, eine Strecke von Westerland nach Kampen. Mit mir strömt die arbeitende Bevölkerung gen Stadtzentrum, es fühlt sich ein wenig an wie an hektischen Tagen auf dem Jakobsweg, nur bedeutend lauter wegen des brüllenden Verkehrs.
Mein Ziel ist die Seine- Insel ‚ÎLE DE LA CITÉ‘, genauer gesagt: Die auf dieser Insel thronende CATHÉDALE NOTRE DAME, die nach ihrem Brand im April 2019 in Rekordzeit wieder instand gesetzt wurde, nicht zuletzt wegen der Spendenbereitschaft der Bevölkerung: Nach nur einer(!) Woche lag die geschätzte Gesamtsumme von über 600 Millionen Euro vor… später wurden es über 900 Millionen. Seit gut einem Jahr ist die Kirche nun wieder geöffnet, und das mächtige Glockengeläut weist mir bereits aus Kilometern Entfernung den Weg. Bereits am gestrigen Abend hatte ich online einen Time-Slot um 10 Uhr ergattert, aber der Andrang hält sich an diesem Januartag noch sichtlich in Grenzen, angenehmerweise:

Je weiter ich ins Kirchenschiff vordringe, desto mehr staune (nicht nur) ich einerseits über die makellose Restaurierung…:

… andererseits über die dargestellte Brutalität in katholischen Gotteshäusern. Darf ich mal vermuten, dass die Grundlagen des „problematischen Verhältnisses“ der Christenheit zum Islam auch von solchen Abbildungen genährt wurde/wird? Gerne erhoffe ich hierzu die ein oder andere „Aufklärung“ durch Blogleser katholischen Glaubens (… und sonstige an diesem Thema Interessierte natürlich)…:

Was mich im Positiven am meisten fasziniert, sind die wahrhaft überirdischen Bleiverglasungen…:

… und das geheimnisvolle Lichterspiel im dunkleren Teil der Kathedrale…:

Wieviel Stunden konzentrierter Arbeit mögen in diesen Bildern stecken…!?:



Aaalso hier drinnen würde ich gerne mal EINE WOCHE LANG fotografieren, um diese großartige Arbeit mit guten Fotos zu würdigen. Leider müsste die Kirche für diese Zeit auf ausdrücklichen Wunsch des Fotografen nochmals komplett geschlossen werden. (mehrere Lach-Emojis)
Im Anschluss fühle ich mich nach diesem sakralen Aderlass einfach nur blendend. Sogar die Sonne lässt sich, wenn auch nur schemenhaft, mal sehen.

Ich laufe von der Seine-Insel zur ‚RIVE GAUCHE‘ rüber, in das Edel-Szene-Viertel ST.-GERMAIN-DES-PRÉS. Mein Ziel: Die MAISON DU CHOCOLAT! Auf dem Weg dahin laufe ich an Schaufensterdekorationen vorbei, denen ich staunend ansehe, daß ich mich hier nicht in der Westerländer Friedrichstraße befinde:

In der Maison du Chocolat besorge ich eine (versprochene) Kleinigkeit für meine älteste Blogleserin und Freundin Karin (94), bekennende groooße Paris-Liebhaberin und – in aktiven Zeiten – regelmäßige Besucherin dieses Schokoladenparadieses. Zusammen machten wir mehrere, unvergessliche Reisen ins Französische, sowohl nach Paris als auch in die Provence. Es war sooo schön! Liebe Karin, nun habe ich mir in den Kopf gesetzt, von Paris nach Sylt in einem Rutsch durchzufahren, denn wer weiß besser als Du, daß diese außerplanetarischen Pralinen möglichst frisch genossen werden sollten. Drück mir die Daumen, daß die DB sich meinem Vorhaben nicht in den Weg stellt, s‘il vous plaît! (Zwinker-Emoji)
Als ich aus diesem Mekka aller Liebhaber edelster Confiserie auf die Straße trete, bin ich noch besser drauf als ohnehin schon. Und entscheide mich, meinen Paris-Spaziergang einfach in großer Runde fortzusetzen. Als nächstes Ziel visiere ich nun an: La Tour Eiffel! Dazu möchte ich mitteilen, daß ich in meinem Leben wohl zwanzigmal in Paris gewesen bin, meist zwar nur zu kurzen Übernachtungsstopps auf dem Weg nach Portugal, zumindest aber in südlichere Gefilde. Und nur bei meinem ersten Besuch (1976) schaute ich auch beim Eiffelturm vorbei.
Fünfzig Jahre später nun also der zweite Besuch. Um der Situation das Profane zu nehmen, wähle ich keinesfalls den direkten Weg, sondern baue ein paar spontane Schlenker ein – so wechsel‘ ich beispielsweise das Seine-Ufer über die nach einem russischen Zaren benannte PONT ALEXANDRE III…:

…verharre im Straßenstaub zu Füßen der beeindruckenden CATHÉDRALE DE LA ST. TRINITÉ mit ihren gewaltigen goldenen Zwiebeltürmen…:

… und wechsel‘ im Anschluß nochmals die Ufer über die über 200 Jahre alte PONT D‘IÉNA, um Euch den Eiffelturm somit aus verschiedenen Perspektiven darzubieten:

Von hier sind’s eigentlich nur einige Treppenstufen hinauf zur PLACE DE TROCADÉRO, von wo aus dem flanierenden Publikum der unverstellteste Blick über dieses städtebauliche Gesamtkunstwerk geboten wird.
Noch während ich – vergeblich – versuche, dieses wirklich imposante Ensemble in ein aussagekräftiges Foto zu zweidimensionalisieren, sehe ich zunächst nur eine auffallend hektisierte Menschentraube an der Kreiselseite des Trocadéro. Bis ich erkenne, daß das alles Fotografen sind! DAS MUSS mich interessieren, immerhin könnte sich deren Interesse einer Wanderdüne widmen, die just – streng verbotenerweise – den Trocadéro zu verschlucken droht! Man weiß ja nie! Ich also hin, denn auf sowas habe ich gerade noch gewartet…
Die Fotografen, locker einhundert an der Zahl, ordne ich nach wenigen Blicken dem eher schmierig daherkommendem Paparazzo-Typus zu, seltsam gemischt allerdings mit einzelnen Schnöselexemplaren in betont modischem Outfit – und eigenen Assistenten, die den spitzmundig gekreischten Befehlen ihrer Chefs in gebotener Geschäftigkeit zu folgen suchen.
Nicht ganz einfach, dieses Unterfangen, hat doch die Konkurrenz längst diverse Open Air-Fotostudios mitten in all dem Gewühl errichtet, inklusive kompletter Blitzanlagen und Akku-Generatoren, Schminktischen samt Spiegeln und Getränken… während auf dem Trocadéro-Kreisel eine schwarze Edellimousine nach der nächsten vorfährt, und sich erste Protagonistinnen der PARISER FASHION WEEK (Aha!) mit betont laaangen Beinen und suuuperreizend niedergeschlagenen Augen aus den gepuderten Fahrzeugen schääälen. Erste Exemplare dieser Gattung Weib führen bereits mitten auf der Straße waghalsive Catwalk-Manöver vor. Und sobald eine weitere Autotür zaghaft von innen geöffnet wird, stehen smarte Butler und prallkörpriges Sicherheitspersonal in Sekundenschnelle vor diesen armen, durchweg hungrig aussehenden Schönheiten, die sich in kaltem Wind, mehr oder weniger schwachbekleidet, den begehrlichen Blicken und Rufen dieser Meute fotografischer Fleischbeschauer ausgesetzt sehen.
Schwer zu ertragen.
Fliehen oder Standhalten?
Oder gar den Angriff nach vorne wagen?
Etwas abseits des Gedränges trete ich, da sich überraschend die Gelegenheit auftut, verlegen auf zwei dieser bedauernswerten Geschöpfe zu und flüstere Aug‘ in Auge: „Mesdames, pouirrez-vous m’offrir un sourir pour mes lecteurs du blog?“ Erstaunte, groooße Blicke auf einer Seite, weiiiche Knie auf der anderen…
Sie machen‘s!!! Hier zwei Ergebnisse unserer menschenwürdigen und einminütigen Zusammenarbeit – mit allen Rechten (Zufrieden-Emoji):

Hossa die Waldfee, irgendwie süß, oder? Ein wenig mehr Lächeln hätte ich mir natürlich schon gewünscht, aaaber das ist in der Branche halbwegs/ganzwegs verpönt – und diesen Mädels längst abtrainiert, leider. „Man kann nicht alles haben“, das sage ich mir ohnehin des Öfteren nach so manchem Fotoeinsatz. Ob auf dem Trocadéro oder in den Wanderdünen…
Womit dieser Tag eigentlich gelaufen wäre, vom Heimweg mal abgesehen. Ich entscheide mich schnell, dieses gefühlt schwer ambivalente Getümmel zu verlassen und steuere zunächst auf den ARC DE TRIOMPHE zu, dann geht’s weiter zur PLACE DE CLICHY, wo ich mich mal kurzzeitig am riesigen CIMETIÈRE DE MONTMARTRE verfranse.
Offenbar eine Fügung von oberster Stelle, wie sich zeigt. Offenbar dank meines Kirchenbesuchs am Morgen. (Hand vorm Mund – Emoji) Denn ein Blick über die hohe Friedhofsmauer, den wegen meines Kleinwuchses nur mein Handy in hoooch ausgestreckter Hand wahrnehmen kann, zeigt ein städtebauliches Feature, das ich so noch nie gesehen habe: nämlich eine jüngere Bebauung, die sich – tatsächlich und gekonnt – an der antiken Gräberarchitektur orientiert:

Ganz großes Braaavoooh! DAS ist doch der Hammer. Danke, Paris, für dieses Abschiedsgeschenk!
Angekommen in der RUE DES ABBESSES, zeigt mein Handy-Tacho 37.800 Schritte an. Dafür fühle ich mich noch ziemlich gut beieinander. Diesen Testlauf für die im März projektierte Jakobsweg-Tour auf dem CAMINHO PORTUGUÊS habe ich – mit Beistand von oben – offenbar bestanden.
Du hast doch hoffentlich von diesen Köstlichkeiten gekostet?
Daaaanke, lieber Hans, nicht nur für die schönen Fotos, sondern auch für Du weißt schon, was ich meine!
Liebe Grüße
Claudia
Lieber Hans, als ich mir vor Jahren angewöhnte regelmäßig deinen Block zu lesen, tat ich es natürlich der Fotos wegen. In der Zwischenzeit begeistern mich auch deine „ literarischen Ergüsse“ . Die Schilderung des morgendlichen Bistobesucchs liest sich wie der Auftackt zu einem vielversprechenden Roman. Ich freu mich auf deine Portugalreise! Hier verpasst du nichts. Man muss Sylt schon sehr lieben um auch dem Dauerfrost zu genießen. Liebe Grüße, Angela
Liebe Angela, merci beaucoup für Deinen netten Gruß aus der Nachbarschaft. Ich bin seit letzten Donnerstag zurück, nachdem ich es tatsächlich schaffte, die Strecke Paris – Westerland mit nur einstündiger Verspätung in 14 Stunden per Bahn zu bewältigen. Mit dem heutigen Beitrag über den Hütchenspieler am Trocadéro ist nun auch meine Seele wieder auf Sylt angekommen, und ich werde mich mit den gegenwärtigen Unbilden der Natur arrangieren müssen. C‘est la vie!