23. Oktober 2026: Die Schrecken des Eises und der Finsternis
Irgendetwas fehlt noch an dieser Reise. Ein wahrer Höhepunkt. Grübelnd gehe ich am gestrigen Abend ins Bett, verbringe eine unruhige Nacht… und erwache gegen 5 Uhr. Gehe kurz an mein Fenster und blicke in diese wahrhaft surreale Wolkenstimmung. Irgendwie dramatisch ausserplanetarisch:

Sieht jedoch nach friedlichem Wetter aus. Was für ein Kummer, dass ich den 2.600m hohen SCALETTAPASS aufgrund des Wintereinbruchs aus meinem Veranstaltungsprogramm streichen musste, aber: Gibts nicht vielleicht einen Ersatz, der diesen Namen verdient? *grübelgrübel*… Gegen 5:30 Uhr habe ich alle mir vom Namen bekannten Hochgebirgspässe in der Gegend gedanklich durchgetickert. Nur solche mit maximal 2.300m Höhe kommen überhaupt in Betracht, davon alle über 2.000m mit Vorbehalt – wegen der extremen Minusgrade und dementsprechender Vereisung – und der Schneeverwehungen hauptsächlich.
Etwas angepisst schlafe ich noch eine Runde. Kurz nach 7 Uhr meldet sich Regula mit der Frage, was denn nun anliegt am heutigen Tage. Mittlerweile fällt mir nichts Besseres mehr ein, als neben der Asphaltstrasse von BIVIO über den JULIERPASS zu tingeln – was allerdings nichts anderes ist als eine Strafe bei dem Lasterverkehr dort.
“DAS geht gar nicht“, so die WhatsApp-Antwort, und „warte mal eben!“ Wenige Minuten später dann: „Der SEPTIMER ist frei!“ Beigefügt ein Webcam-Foto…
DAS ist ´n Volltreffer! Der seit locker 700 Jahren genutzte Säumerpfad zwischen BIVIO und CASACCIA, über den – unter unsäglichsten Bedingungen – mit Pferdegespannen Waren transportiert wurden: Wein, Gewürze und Seide von Italien in die Schweiz, und Salz, Käse und Textilien auf entgegengesetztem Wege. Natürlich mit Draaamen ohne Ende, wie es dieser Stich aus dem 15. Jahrhundert illustriert:
Erst versinkt die ganze Mannschaft im Schnee, dann kommt die Lawine und begräbt alle unter sich. Nach einer wahren Begebenheit, versteht sich:

Noch Fragen?
Aber ich liiieeebe nun mal Pfade, denen Historie anzusehen ist! Das nahezu all‘ die Historie dieses Weges heute unter Schnee liegen wird, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich verspreche Regula, sofort umzudrehen, sollten Eis und/oder Schnee überhand nehmen, esse noch flink ein doppeltes Frühstück und besteige den Zug ins nahe TIEFENCASTEL, Abfahrt 9 Uhr. Umstieg in eines der dort bereits wartenden Postautos um 9:10 Uhr:

Etwa 40 Minuten später erreiche ich über gurkige Serpentinen den auf knapp 1.800m Höhe gelegenen Flecken BIVIO. Springe aus dem Bus, äh’ Postauto, und möchte eigentlich nur SOFORT wieder umdrehen in die Wärme zurück. Denn ein eiiisigster Wind fegt von den nahen Dreitausendern herunter, der schlagartig komplett unter die Haut geht. Und ich habe unter der Wanderhose noch nicht einmal meine lange Unterhose an!
Meine Hoffnung, in der direkt neben der Haltestelle befindlichen Kaffeerösterei mal eben auf ein Heissgetränk einzukehren und bei der Gelegenheit gleich sämtliche mitgeführten warmen Kleidungsstücke unter- und überzustreifen, stirbt in dem Moment, als ich neben dem GEÖFFNET-Schild den Türdrücker betätige. Der Laden ist dicht! Und daaa kommt der in solchen Situationen omnipräsente Innere Schweinehund, der mir dringend anempfiehlt, dieses Drama hier und jetzt zu beenden und sofort(!) wieder in das Postauto zu steigen, das in wenigen Sekunden die Rücktour anzutreten gedenkt. Und der mir wääärmstens rääät, mich besser nach St. Moritz in mein Lieblingscafé kutschieren zu lassen und dort einen phantastischen Cappuccino zu inhalieren…
Später mehr…