16. März: A praia infinita – Der endlose Strand

Eine innere Stimme rät mir bereits im Morgengrauen, heute den Caminho Caminho sein zu lassen, und dafür zumindest auf der ersten Streckenhälfte die sich am Wegesrand erstreckenden Strände zu erkunden. „Der Weg ist das Ziel“ heißt es immer wieder für Jakobspilger, dies gilt ganz besonders auf dem Portugiesischen Küstenweg, der – im Gegensatz zum inländischen Weg – keinerlei historischen Bezug besitzt, sondern eher als (offenbar gelungener) Vorstoß der Küstengemeinden zu sehen ist, sich vom großen touristischen Kuchen namens CAMINHO auch einen Anteil einzuverleiben.

Meine Unterkunft in Afife liegt knapp einen Kilometer vom Meer entfernt. Allerdings höre ich das Donnern der Atlantikbrandung wegen der frühmorgendlichen Windstille sogar bei geschlossenem Fenster. Heimat! Also öffne ich alle Luken und inhaliere den sanften Atem des Ozeans, hach!
Schwerer Dunst quillt über die Dünen, laute Möwentrupps, vom ersten Sonnenlicht beschienen, gleiten über mir gen Meer. Ich möchte, nein – ich MUSS dabei sein.

Und ich bin für längere Zeit der einzige in diesem gewaltigen Naturspektakel, finde auch gleich eine kleine „Badewanne“ zwischen den Felsen zum Anbaden 2026…

Auf meinem Weg nach Norden schließt sich eine „Wilderness“ an. Als es am Strand nicht mehr weitergeht, finde ich hinter den Dünen einen Weg „durchs Gebüsch“,den sich die Fischer angelegt haben. Dahinter dann der nächste Riesenstrand, nun bereits mit Blick auf VILA PRAIA DE ÂNCORA…:

Überraschung: Nach dem gestrigen Sonnentag sind – zu abertausenden – die Mittagsblumen aus dem Winterschlaf erwacht und säumen meinen Weg… das ist ja wie im Paradies hier…:

In Vila Praia ist erstmal eine schöpferische Pause im örtlichen Promenadencafé angesagt:

Okayokay, zugegeben: Zivilisation ist auch etwas Schönes. Außerdem treffe ich ab hier wieder auf meine Mitpilger, die sich ebenfalls der Muße und Kontemplation widmen. Weiterhin rollt eine 5-Meter-Dünung auf die Felsen zu, um vor unseren Augen mit ohrenbetäubendem Gedonner zu zerstäuben:

Dieser Tag ist mit Mega-Natur derart übererfüllt, dass mir mittlerweile egal ist, was noch passiert. Ich werde mich auf alles einlassen. Ein seltenes Feature im Leben des Hans Jessel, mal unter uns gesagt. Und ein spürbarer Hinweis, dass der Caminho seine Wirkung entfaltet.

Der spektakuläre Küstenweg schlängelt sich weiter nach Norden. Hinter einer Biegung der erste Blick aufs bereits spanische Galizien. Der kegelförmige Berg liegt bereits hinter der Mündung des Grenzflusses RIO MINHO:

Dass wir uns hier auf einem in erster Linie spirituellem Weg befinden, wird immer wieder am Wegesrand deutlich. Pilger versuchen, an besonderen Orten am Wegesrand das Drama der eigenen Vergänglichkeit in Form von Kunstwerken zu artikulieren. Das folgende berührt mich zutiefst, und ich lasse es bewusst unerklärt, wird doch jeder seine eigene Interpretation finden – oder vielleicht auch nicht:

Also lege ich „meinen“ Stein dazu und nähere mich weiter meinem heutigen Ziel CAMINHA. Auf einer Sandbarre im Mündungsbereich des Grenzflusses quere ich dazu noch einen wahren  „Märchenwald“…:

 

… bevor ich – nun bereits am Flussufer – eine kuriose Situation erlebe: Das „PILGRIMS TAXIBOOT“ hat hier seine allerbeste Location gefunden, verlockt es doch manchen von langer Wanderung weichgespülten Pilger, sich die beiden Tagesetappen über VALENÇA zu sparen, und – für gutes Geld – bereits hier überzusetzen…:

Während ich mich noch über das gelungene Geschäftsmodell amüsiere, ruft eine weibliche Stimme vom nahen Parkplatz in geschliffenem Englisch, ob ich interessiert sei an einer Überfahrt. Ich drehe mich um und blicke auf eine hinreissende Schönheit in der Blüte ihrer Jahre, offenbar die Kapitänin dieses Bootes, die ihre laaangen Beine bereits mit Elan aus dem Auto pellt….

Tja, Mädel, die Bereitschaft zum Verzicht sollte die dominierende Charaktereigenschaft eines jeden Jakobspilgers sein, die tagtäglich abverlangt wird.

Immer noch schmunzelnd, nicht zuletzt über meine Standhaftigkeit, erreiche ich das Ortszentrum Caminhas…:

… und gönne mir, zur Feier dieses erfüllten Pilgertages, ein Bier‘chen auf dem Hauotplatz der Altstadt:

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert