Die Königsetappe steht an: Gut 600 Höhenmeter hoch, und danach gut 1.000 HM wieder runter.
Aber erstmal beginnt um 5:30 Uhr das Glocken-Inferno: Minutenlanges Gebimmel aus allen Himmelsrichtungen, dann Handy-Weckgebimmel (Tatsächlich!) aus dem Nebenzimmer, und nur Sekunden später ein Mega-Blökkonzert aus dem benachbarten Kuhstall… ich nehme mal an, die Kühe wissen, dass Melkzeit ist, wenn’s bimmelt. 😉
Ich starte um Punkt 8 Uhr bei allerfeinstem Wetter (9 Grad, Windstille, kaum ein Wölkchen), und komme Minuten später an dem Klosterkomplex vorbei, der sich, inklusive Kirchenvorplatz, über sechs Hektar Fläche erstreckt und als zweitgrößter Europas gehandelt wird – nach dem Petersplatz in Rom:

Sternförmig strömen bereits zu dieser frühen Stunde jede Menge festlich gekleidete Menschen zum Kirchgang:

Und Keine(r), der oder die mich nicht grüßt. Und jeder sieht und weiss, dass ich ein Pilger bin, dem offenbar respektvoll zu begegnen ist – nicht zuletzt der kleinen Jakobsmuschel wegen, die an meinem Rucksack hin- und herklimpert. Ständiges ‚Guätä Morgä, Grüezi’, und mehrmals ,Buen camino!‘ auch. Freundliche, gut gestimmte Menschen, wohin ich schaue. Macht das die Kirche? Die gute Stimmung überträgt sich jedenfalls, auch auf mich. Vogelgeträller, Kuhglockengebimmel, ein paar kurze, nette Gespräche: Camino-Stimmung, wie ich sie liebe!
Etwa neun Kilometer geht es zunächst mit sanfter Steigung durch das Alpthal…:

Dann wird das Tal schnell enger…:

… und der steile Aufstieg zum Haggenegg-Pass steht an, der mit über 1.400 Metern übrigens als „höchster Pass dieses Caminos nördlich der Pyrenäen“ firmiert, wie Regula mir jüngst mitteilte.
Und nun komme ich den beiden Mythen-Monolithen immer näher. Der linke ist mit knapp 2.000 Metern Höhe der höhere, auch wenn er auf dem Foto, aus perspektivischen Gründen, kleiner wirkt:

Am Pass angekommen, blicke ich über die Terrasse des gleichnamigen Restaurants hinunter auf den Vierwaldstätter See, davor mein Zielort ‚Brunnen‘:

Vor lauter Begeisterung über diesen Hammer-Weitblick verpasse ich den Einstieg in den Abstieg… und töffel‘ dummerweise auf der Straße weiter. Aber auf der einen Seite fährt überhaupt kein Auto, auf der anderen Seite entpuppt sich dieser Abstieg mit Sicherheit auch als der Knie-freundlichere:

Bald kommt der Ort SCHWYZ in Sicht…:

… der die wahre „Ur-Schweiz“ repräsentiert, und mich als Pilger mit offenen Armen empfängt:

Und wie annonciert, erreiche ich den Hauptplatz – mit Mythenblick – exakt 20 Minuten später:

Zur Belohnung gibt’s hier erstmal einen kräftigen Kaffee und ein Stück Erdbeerkuchen, dann stehen die letzten fünf Kilometer bis zur Herberge an:
