4. Juni: St. Gallenkappel – Rapperswil/Zürichsee (14 km)

Zum Frühstück werde ich begrüßt mit den Worten: „Aaah, da kommt ja mein Nordlicht!“ Typische Husumer Version von Zurückhaltung. Das Frühstück mit Ei, die ersten Kirschen des Jahres und der Käse, alles vom direkten Nachbarhof, munden vorzüglich – und pünktlich um 9 Uhr bin ich on the road again…

Der Ort ST. GALLENKAPPEL, komplett dominiert von einer oberkrachigen Durchgangsstraße, wird sicher nie im heiligen Gral meiner bevorzugten Camino-Destinations Eingang finden. Sehr wohl jedoch der Ideenreichtum derjenigen Planer, die hier den Jakobsweg implantierten: Gleich hinter der zentralen Kirche nämlich wird der Pilger von kleinen gelben Zeichen zu einem Gebüsch gelockt, das erst im letzten Moment einen versteckten Eingang preisgibt… Einen Steinwurf weiter verlässt der verblüffte Wanderer das schattige Grün in einer Art Parallelwelt, wahrlich Harry Potter-mäßig: Hinter den Gärten zieht sich ein stiller Schleichweg am Ortsrand entlang, und geleitet ihn hinaus in die Natur… ganz großes BRAAAVOOOH, das geht ja gut los heute:

Und so geht es dann auch weiter – schade nur, dass ich seit meinem Start in Rorschach noch keinen weiteren Pilger in der freien Flur habe treffen können. Denke ich gerade so, als ich vor mir…:

… etwa 200 Meter von mir entfernt, eine Gestalt recht flugs im Gebüsch verschwinden sehe, offenbar nachdem diese mich wahrgenommen hat.

Wer sich je mit der Historie der jakobinischen Pilgerschaft beschäftigt hat, stößt unwillkürlich auf die an Ideenreichtum kaum zu übertreffenden Versuche örtlicher Strauchdiebe, die ohnehin schon von Verzicht und Knappheit gezeichneten Pilger auch noch um das letzte Hab und Gut zu erleichtern. „Soll es heute mich einsamen Wanderer treffen?“ schießt es mir sofort durch den Kopf…

Ein Griff in die rechte Hosentasche, und mein für solche Momente stets mitgeführtes Original Schweizer Offiziersmesser liegt fest in meiner Faust. Zwar funktioniert nur noch die kleinste Klinge…:

… welche jedoch jedem Angreifer empfindlichen Schaden zuzufügen vermag.

Beim Herannahen stellt sich heraus, dass es sich bei den vermuteten Strauchdieben um Regula und Masch handelt, die jedem aufmerksamen Blogleser schon mehrfach erschienen sind – ich sage nur mal… „Turteltäubchen“…

Meine beiden Schweizer Freunde sind mir entgegen gekommen, um mich auf meiner heutigen Etappe zu begleiten (siehe heutiges Titelbild). Ist das grossartig? Jaaaaah!

Nach etwa 90 Minuten gemeinsamen Weges erreichen wir das pittoreske RAPPERSWIL am Zürichsee, erklimmen die dortige Schlossterrasse und geniessen den Ausblick über den Fahrdamm zum anderen Ufer. Morgen werde ich vor 11 Uhr auf dem Etzelpass, dem hohen Hügel auf der rechten Bildseite, nach Rapperswil herüber winken…:

… heute feiern wir unser Treffen mit einem zünftigen Chnuschperli-Fischessen auf einer Restaurant-Terrasse am Hafen:

Zum Abschluss zur Information, dass hier nun auch der dritte „Arm“ der Ostschweizer Jakobswege von KONSTANZ zu meinem (ab RORSCHACH) hinzutrifft, so dass wir nun gemeinsam den Anstieg zum legendären KLOSTER EINSIEDELN in Angriff nehmen:

Davon berichte ich dann morgen…

 

 

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