15. Mai: „Weiter geht’s!“ Rodenbek – Flensburg (84 km)

Immer wieder bin ich erstaunt, wie man mit einem Berg Tortellinis im Magen sooo gut schlafen kann. Erst um 6 Uhr wache ich auf, und ab 7:45 Uhr höre ich angenehme Frühstücks-Vorbereitungsgeräusche aus der Küche. Dann wabern zarte Kaffeedünste in mein Schlafgemach – kann das Leben schön(er) sein?

Gute Freunde wissen, wie ich ticke – und nehmen es klaglos hin, wenn ich bereits abends verkünde, dass ich tagsdrauf „um 9 Uhr auf dem Fahrrad sitzen“ möchte. So wird das Frühstück um 8 Uhr begonnen, um 8:50 Uhr abgeschlossen, um 8:55 Uhr wird von der Hausherrin noch ein Glas der hausgemachten Kürbis-Ingwer-Marmelade im Reisegepäck verstaut, und um 8:59 Uhr entsteht dieses Abreise – Foto. Der geneigte Leser beachte die winkende Hausherrin in der Tür rechts hinter mir:

Foto: Reinke

“Weiter geht‘s!“ sagt mein Fahrradnavi beim Einschalten. Heute jedoch nicht, denn ich benötige hier kein Navi. Schließlich habe ich diverse Studienjahre gar nicht sooo weit entfernt, in Stampe nämlich, gewohnt. Und da ich schon als Mittzwanziger gerne mit Fahrrad und Kamera durch die Gegend radelte, kenne ich die Ecke hier fast so gut wie Sylt.

So weiß ich auch, dass es bis zur Kanalfähre bei Landwehr gerade einmal 11 Kilometer sind…:

… auf der anderen Seite gehöre ich aber nicht zu den Verschwörungs-Theoretikern, die stantepé behaupten, der Kanal sei „die Haupt-Wetterscheide des Landes Schleswig-Holstein“ – so ein Quatsch. Dazu darf ich sagen, dass mich an diesem herrlichen Morgen bislang ein laues Lüftchen begleitet, wie es der Radler mag: Fast unmerklich der Wind, sanft wärmend die Sonne, munter tirilierend die Vogelwelt und wohl gestimmt des Reisenden Gemüt.

Noch bei der drei-minütigen Überfahrt beginnt es zu tröpfeln, und wie durch eine Düse pfeift der Wind plötzlich aus einem gar nicht mehr so heiteren Himmel von Nordwesten her, die Vogelwelt schweigt… und des Reisenden Gemüt stimmt sich nachdenklich.

Als ich die Auffahrt auf der nördlichen Kanalseite erklimme, stürmt mir eine rabiate Wetterlage ins Gesicht, und der Gegenwind – soviel sei schon an dieser Stelle verraten – wird mir die kommenden 73 Kilometer bis nach Flensburg mit 5 bis 6 , in Böen locker 7 Windstärken auch treu bleiben. Dazu verfinstert sich der Himmel, und nur noch in Sonderfällen lugt die Sonne zwischen dräuenden Regenwolken hervor:

Dazu kommt, dass sich die Radwege auf weitesten Strecken in einem üblen Zustand befinden. Baumwurzeln haben über die Jahre ganze Arbeit geleistet und den Asphalt in eine Buckelpiste verwandelt, über die selbst mein gut gefedertes Mountainbike nicht locker hinweggleiten kann. Bald erahne ich im Minutentakt die Explosion der Sektflasche, die sich noch in meinem Reisegepäck befindet.

In Gettorf erreiche ich, um es noch schlimmer zu machen, die B 76, unter Kennern als automobile Ober-Rennstrecke des Landes geliebt. Und es scheint, als hätten sich an diesem Freitagvormittag sämtliche Freunde eines gepflegten Verkehrsstaus auf dieser Asphaltpiste zu einem Stelldichein versammelt. Denn ich blicke auf eine lärmende und stinkende Blechkarawane in beiden Richtungen. Natürlich befindet sich zudem der Fahrradweg, dem ich Armer in Richtung Eckernförde zu folgen habe, auf der Lee-Seite dieses Infernos, so dass ich schon nach wenigen hundert Metern einen metallernen Geschmack im Munde wahrnehme von der ganzen Pest, die ich hier einzuatmen habe. Des Radlers noch vor Stundenfrist so fröhliches Gemüt schwindet etwas dahin, mal unter uns gesagt.

Zu meinem Glück darf ich die B 76 nach viel zu vielen laaangen Kilometern wieder verlassen, und auch die Sonne lugt noch ein letztes Mal, dazu an der rechten Stelle, hinter den Wolken hervor:

Die Leserschaft möge es verzeihen, aber das letzte Foto der heutigen Tour entsteht nördlich von Eckernförde auf der idyllischen Schleifähre Missunde:

Ab hier frischt nämlich der Gegenwind noch weiter auf, der Himmel verfinstert sich noch mehr, und ich darf mich ab sofort freuen, wenn es nur nieselt und nicht wie aus Kübeln schüttet.

In einem Ort mit dem pittoresken Namen Großsoltbrück reichtˋs mir. Ich sitze in einer der Strasse und dem enervierenden Wind abgewandten Bushaltestelle und heulˋ mich per WhatsApp bei meinen Flensburger Gastgebern aus, von denen ich erfahre, dass gerade ein Kuchen in den Ofen geschoben wird. Kuchen? Hat mir da eben jemand etwas von Kuchen ins Ohr geflüstert? Das Angebot, mich aufgrund meiner verzweifelten Situation per Auto und Fahrradanhänger abzuholen, wische ich bedenkenlos vom Tisch, denn erstens wäre diese Nummer nun echt zu peinlich, und zweitens sind meine Lebensgeister in diesem Moment gerade zum zweiten Male an diesem Tage erwacht. Eine dreiviertel Stunde später erreiche ich die Adelbyer Strasse im Flensburgischen und blicke auf dieses kulinarische Kunstwerk (vom Sohn des Hauses kreiert!), das mich irgendwie und oberflächlich an die Asphaltbeläge schleswig-holsteinischer Radwege erinnert:

Der Tag ist gelaufen! Nach einem ganz wunderbaren Kaffeetrinken und zwei großen Stücken des noch warmen Rhabarberkuchens (sooo lecker – und ich muss doch schmunzeln, denn in Rodenbek begann es am gestrigen Nachmittag mit exakt dem gleichen Gebackenem…):

„Guten Appetit, Hans. Aber jetzt ziehˋ mal den Schnutenpulli aus!“

Jetzt gibt es nur noch eine Steigerung. Bald nach dem Kuchengelage knallt der Sektkorken und die Vorbereitungen für das Abendessen sind damit eingeläutet. Der Hausherr bedient den Grill, der Sohn des Hauses steuert einen griechischen Nudelsalat bei, Hans zaubert seinen immer beliebten Sansibar-Kartoffelsalat hinzu – und plötzlich ist auch noch ein Sansibar-Sesam-Baguette im Ofen fertig.

Auf meinem Sylter Schreibtisch vergilbt seit Jahren ein flüchtig herausgerissener Zeitungsartikel mit folgendem Titel: „Freunde sind die Entschuldigung Gottes für die Familie.“ Daran denke ich, bevor ich am späten Abend in den verdienten Tiefschlaf versinke.

 

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