6.- 10. November: Behinderte Tage

Nicht ganz einfach für jemanden, der es gewohnt ist, seit Jahrzehnten im Eilschritt oder zumindest kontemplierend per pedes durch Landschaften zu streunen: Der plötzliche Stillstand, weil das rechte Knie sagt: „No! How dare you!?“

Was also tun? Bahnfahren geht immerhin, und – besser noch – Radfahren auch. Und es gibt Blogleser, die wissen, womit der zunehmend griesgrämigere Blogger zu begeistern ist: Mit der Einladung zu einer Weinprobe zum Beispiel:

Also geht’s per Zug nach Langenhorn, und von dort per Rad nach Flensburg, wo bei „Roberto“ ca. 200 Weine zur Verkostung bereitstehen. In ausgesprochen angenehmem und entspanntem Ambiente widme ich mich im Besonderen den Erzeugnissen der Bischoffinger Winzergenossenschaft vom Kaiserstuhl, die man in dieser Geschlossenheit im Norden Deutschlands nicht alle Tage findet. Eher eigentlich gar nicht.

In kleiner und bereits heiterer Runde geht es im Anschluß zum Essen ins „Grisou“ in einen uralten Gewölbekeller, wonach die Knieschmerzen zumindest für diesen Tag ad acta gelegt werden können.

Am Montagmorgen nehme ich den 9:15er Zug von Flensburg nach Hamburg:

Dort will ich eigentlich nur ein paar Dinge erledigen, um am Nachmittag von Altona zurück nach Sylt zu fahren. .. als ich vernehme, daß die Marschbahn zwischen Itzehoe und Husum ihren Dienst quittiert hat, weil irgendein enthusiasmierter Baggerfahrer das alles entscheidende DB-Kabel des Deutschen Nordwestens durchgerissen hat. Irgendwann im Laufe der Stunden wird zwar ein Bus-Ersatzverkehr angeboten, der mir aber nicht weiterhilft. Fahrräder werden nicht mitgenommen.

Also steht einem gemütlichen Abend in Hamburg nichts mehr im Wege. Beim Türken besorge ich einige pflanzliche Zutaten für ein orientalisches Abendmahl…:

… und schaue mir nicht weniger als VIER Filme über außergewöhnliche Bahnstrecken an, die mich für Stunden, mit hochgelegten Beinen, nach Mexico, Venezuela und in die Schweiz entführen. Herrlich! In der Schweiz gibt es unzählige historische Bergbahnen, die allesamt seit deutlich über einhundert Jahren über abenteuerlichste Grate auf Berggipfel bis über dreitausend Meter Höhe juckeln… und zwar immer noch mit dem ursprünglichen Wagenpark inklusive der alten Loks! Wirft man einen Blick auf die bundesrepublikanischen Verhältnisse, fragt man sich, wie das funktionieren kann? Zum Beispiel dadurch, daß jeder Lokführer nur für eine/seine Lok zuständig ist. Zum Jahresdienst gehört nicht nur die tägliche Pflege dieser alten Prunkstücke, sondern – einmal jährlich – die komplette Demontage der gesamten Lok… und der anschließende Wiederzusammenbau. Tja, so kann das laufen, in einem Land, dem die Bahn das fünffache pro Einwohner wert ist als in Deutschland.

Das andere Ende der Fahnenstange erlebe ich am nächsten Morgen. Meine Bahn-App mit dem vielversprechenden Namen „Streckenagent“ teilt mir mit, daß der frühmorgendliche Zug um 6:40 Uhr wieder bis Sylt durchfährt. Als ich um 6:30 Uhr am Gleis erscheine…:

… sieht das zunächst auch so aus. Ich schnacke noch den Schaffner an, der auch davon ausgeht, daß meine Zugfahrt nicht plötzlich doch in Itzehoe endet, was ich mir im Morgengrauen nicht so sexy vorstelle. Also gilt: Holzauge sei wachsam! Um 6:42 Uhr, der Zug steht noch, schaue ich ein letztes Mal auf den „Streckenagenten“, der mir nun genau das ankündigt… ich raus ausm Zug, mit dem Fahrrad unterm Arm. Es ist zum Heuuulen!

Glücklicherweise lese ich immer noch in dem dicken Buch von Paul Theroux über seine Bahnreise von Boston nach Patagonien. Mittlerweile hat er die mittelamerikanischen Staaten über Mexico bis Costa Rica durchquert, unter teilweise haarsträubenden Bedingungen. Sein Geheimtipp für derlei eisenbahnspezifische Abgründe: Ein Buch mit sich zu führen über noch viel katastrophalere Reiseverläufe. Sein Favorit: Edgar Allen Poes „Denkwürdige Erlebnisse des Arthur Gordon Pym“, aus dem er gerne zitiert. Total zum Piepen! Und es funktioniert tatsächlich. Ich brauche mir nur diesen Grusel vor Augen zu führen, und bin heilfroh, als ich am Dienstag um 15:45 Uhr, mit nur 23-stündiger Verspätung, die Insel erreiche.

 

 

 

 

 

 

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