4./5. Mai: Wo bin ich?

Soviel sei verraten: Gestern Mittag verließ ich unerkannt die Insel, wurde jedoch noch am gleichen Abend am Altonaer Bahnhof von einem Paparazzo der allerersten Güte abgelichtet:Foto: Lars W.

Bin nach 15 – stündiger Bahnfahrt heute Mittag am Zielort angekommen, und habe soeben nach einem 10 km – Marsch und 600 dabei absolvierten Höhenmetern mein Quartier erreicht:

Die letztlich 13-stündige Nachtfahrt von Hamburg nach Zürich lässt mich den Niedergang der einst funktionierenden Deutschen Bahn am eigenen Leibe erleben: Es funktioniert nichts (mehr)! Türen sind nicht zu öffnen, Toiletten sind nicht benutzbar, die Reservierungskärtchen stammen noch von der Herfahrt des Zuges, keine Durchsagen, kein Schaffner lässt sich sehen, und obwohl in meinem ganzen Waggon keine 10 Fahrgäste sitzen, ist ausgerechnet ein 100 Kilo – Proll-Chinese(!) mir direkt gegenüber am Tisch eingebucht, der nichts Besseres zu tun hat, als seine wurstigen Beine bis zu mir rüber zu strecken und sich den Rest der Nacht lautstark alberne TikTok – Videoclips reinzuziehen.
Die Zugfahrt dauert keine 20 Minuten, da verreckt die Lok im Bahnhof Harburg. Congratulations, ist mir schlecht! Und während meine DB App mir noch bis in die frühen Morgenstunden vorgaukelt, die immer größer werdende Verspätung würde wieder aufgeholt incl. pünktlicher Einfahrt in Zürich, sehe ich mit Erstaunen, dass das Gegenteil der Fall ist. Mit gut einstündiger Verspätung erreichen wir Basel, und ICH mache das Beste, was in dieser Situation möglich ist: Sofort RAUS aus diesem Zug! Rein in einen Schweizer Zug mit Ziel Zürich, und aaaaaab geht die Post, incl. minutengenauer Ankunft dort.

Und nun kommt der Knaller: Als ich um 11 Uhr zur Weiterfahrt antrete, ist der deutsche IC immer noch nicht angekommen! Armes Deutschland, das lief vor 40 Jahren aber auch mal anders. So vergrault man selbst Bahn-Fans wie mich. Aber es gibt ja glücklicherweise Länder, in denen Bahnfahren mehr als gut funktioniert, und ich bin gerade im diesbezüglichen Weltmeister-Land angekommen.

Ach ja, und das Chinesen-Problem konnte ich bald hinter Harburg durch einen beherzten Umzug in eine entferntere Zweierbank lösen.

Noch etwas anderes erheitert mein Gemüt: Zwischenzeitlich wurde ich von einer Euch bekannten Blogleserin zu einem Birchermüesli (Original Schweizer Schreibweise) ins Zürcher Sprüngli – Café eingeladen, ein traditionsreicher gastronomischer Tempel für süße Schlabbermäuler. Obwohl die Zeit aufgrund der Verspätung knapp ist, lasse ich mir diese kulinarische Verführung nicht entgehen:

Vielen Dank an Regula. Meine seelische Balance ist trotz null(!) Minuten Schlaf in dieser zurückliegenden Nacht augenblicklich wieder hergestellt. Definitiv das beste Birchermüesli meines Lebens.

Das nächste Highlight meiner Tour wartet bereits in der Pipeline: Nach gnadenlos pünktlicher Abfahrt in einem wahren Hochcomfort-Zug…:

… durchfahre ich den Gotthard-Basistunnel, seines Zeichens mit 57(!) km Länge längster Eisenbahntunnel der Welt. Wir fahren vom Kanton URI unter dem Kanton GRAUBÜNDEN hindurch ins TESSIN:

Der helle Wahnsinn! Wir fahren mit 250 km/h, und trotzdem sind wir fast eine Viertelstunde im Dunkeln unterwegs! Es lohnt, bei Wikipedia mehr über dieses Ingenieurtechnologische Meisterwerk zu lesen, das erst vor sieben Jahren fertiggestellt wurde.

Damit befinde ich mich (pünktlich auf die Minute um 12:58 Uhr!) vor einer der schönsten Stadtansichten, die ich je beim Verlassen eines Bahnhofs gesehen habe – zusammen mit mehr als 100 auf italienisch durcheinanderquasselnden Kindern, total goldich:

Ein Hauch von Treibhaus weht mir vom Luganer See entgegen, eine wunderbar satte, duftige Luft in feuchtschwangerem Gewand:

Nun steht, nach langen Stunden in der Bahn, die erste Wanderung auf dem Programm: Das Seeufer entlang bis zum pittoresken Dorf GANDRIA, und von dort hinauf nach BRÈ SOPRA LUGANO. Davon berichte ich morgen, bin mehr als bettreif!

Die mit Linden und Rosskastanien gesäumte Uferpromenade, insbesondere der Blick über den See, lassen mich die Strapazen der letzten Nacht gefühlt vergessen:

Und den Fiat mit Sylt – Aufkleber sehe ich mal als nette Form der Begrüßung an:

Die etwa 5-kilometrige Wanderung auf dem „Sentiero dell’ Olivo“ ist einfach nur Seelenbalsam, und auch der einsetzende, bald kräftige Regen kann mich nicht im Ansatz hindern, meinen Weg fortzusetzen:

Angekommen in Gandria geht es nahtlos in die Eisen. Ein steiler Anstieg  hinauf in das pittoreske Dorf BRÈ steht an. Dieses liegt „auf dem sonnigsten Berg der Schweiz“, wie ich bei der Reisevorbereitung las:

Mittlerweile schüttet es wie aus Eimern. Bevor ich meine Unterkunft erreiche, noch einmal der Blick zurück auf die Dampfküche über dem Luganer See:

 

 

Kommentar (1)

  1. Karin Lizon

    Hallo Hans,
    was für eine interessante Tour, der Stoff zum Träumen ist für die kommenden Tage durch deine immer wieder sehr, sehr spannenden Reiseberichte und fantastischen Fotos gesichert.

    DANKE !!!

    Liebe Grüße und eine wunderbare Zeit wünscht dir
    Karin aus Dü-dorf

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